Beispiel: VT-Erstantrag auf Langzeittherapie
Ein vollständiger Bericht an den Gutachter für einen verhaltenstherapeutischen Erstantrag – von den soziodemografischen Angaben bis zur Prognose. Danach zeigen wir, welche Stellen im Text die Bewilligung tragen.
- Antragsart
- Erstantrag Langzeittherapie (60 Std.)
- Verfahren
- Verhaltenstherapie
- Diagnose
- F33.1 – rezidivierende depressive Störung, ggw. mittelgradige Episode
- Setting
- Einzeltherapie, Erwachsene
Zuletzt aktualisiert: 27.08.2026
Der folgende Fall ist frei erfunden. Es besteht keine Ähnlichkeit mit realen Patient:innen. Der Bericht dient als Formulierungshilfe und ersetzt weder die eigene diagnostische Einschätzung noch die Prüfung der jeweils gültigen Formularvorgaben.
Wie sieht ein verhaltenstherapeutischer Erstantrag auf Langzeittherapie aus?
Ein VT-Erstantrag auf Langzeittherapie beschreibt in etwa zwei bis drei Seiten den Weg von der Symptomatik zur Behandlungsplanung: soziodemografische Angaben (Abschnitt 1), Symptomatik und psychischer Befund (Abschnitt 2), somatische Abklärung (Abschnitt 3) sowie in Abschnitt 4 die behandlungsrelevante Lebensgeschichte gemeinsam mit der fallspezifischen Konzeption, also dem funktionalen Bedingungsmodell mit prädisponierenden, auslösenden und aufrechterhaltenden Faktoren. Abschnitt 5 enthält die Diagnose nach ICD-10, Abschnitt 6 den Behandlungsplan und die Prognose, in dem jede Methode an einen im Modell benannten Mechanismus anknüpft. Die beantragte Stundenzahl wird über Schweregrad, Komorbidität und bisherigen Verlauf begründet.
Der Beispielbericht
1. Relevante soziodemografische Angaben
Die 38-jährige Patientin ist verheiratet und hat zwei Kinder im Alter von sechs und neun Jahren. Sie arbeitet seit elf Jahren als Sachbearbeiterin in einem mittelständischen Unternehmen, aktuell in Teilzeit mit 30 Wochenstunden. Die Familie lebt in einer eigenen Wohnung; die wirtschaftliche Situation ist stabil.
Seit April dieses Jahres besteht eine Arbeitsunfähigkeit von insgesamt sieben Wochen, zuletzt vier Wochen am Stück.
2. Symptomatik und psychischer Befund
Die Patientin schildert seit etwa neun Monaten durchgehend gedrückte Stimmung, Antriebsminderung und den Verlust von Freude an Tätigkeiten, die ihr zuvor wichtig waren. Sie habe den wöchentlichen Chorbesuch im Februar aufgegeben und treffe sich seit dem Frühjahr nicht mehr mit Freundinnen. Morgens gelinge das Aufstehen erst nach mehreren Anläufen. Die Arbeitsaufgaben bewältige sie nur mit deutlich verlängerter Bearbeitungszeit und mehrfacher Kontrolle.
Seit etwa acht Wochen besteht Früherwachen gegen vier Uhr mit anschließendem Grübeln. Der Appetit ist vermindert, das Gewicht hat um vier Kilogramm abgenommen. Die Patientin berichtet über Konzentrationsstörungen und ein durchgehendes Gefühl der Überforderung im Alltag mit den Kindern.
Sich selbst erklärt die Patientin die Beschwerden als Erschöpfung durch die berufliche Mehrbelastung. Eine Erkrankung zieht sie ausdrücklich nicht in Betracht: Andere bewältigten dasselbe Pensum, sie selbst stelle sich lediglich an. Diese Deutung hat die Vorstellung bei der Hausärztin um mehrere Monate verzögert.
Im psychischen Befund zeigt sich die Patientin gepflegt und altersentsprechend, im Kontakt freundlich zugewandt, jedoch mit geringer Eigeninitiative im Gespräch. Sie ist wach, bewusstseinsklar und zu allen Qualitäten orientiert. Auffassung und Konzentration sind im Gespräch leicht reduziert, die Merkfähigkeit ist erhalten. Das formale Denken ist geordnet, inhaltlich stehen Gedanken der eigenen Unzulänglichkeit und der Belastung für die Familie im Vordergrund; es bestehen Befürchtungen, den beruflichen Anforderungen dauerhaft nicht mehr zu genügen. Kein Anhalt für Zwänge, Wahn, Sinnestäuschungen oder Ich-Störungen. Die Stimmung ist deutlich gedrückt bei eingeschränkter affektiver Schwingungsfähigkeit; beim Bericht über die Kinder kommt es zu Tränen. Der Antrieb ist vermindert, die Psychomotorik wirkt verlangsamt. Es besteht kein akuter Suizidwunsch; die Patientin gibt an, in den vergangenen Wochen mehrfach den Gedanken gehabt zu haben, es wäre für alle einfacher ohne sie, distanziert sich jedoch glaubhaft und benennt die Kinder als tragenden Grund. Vegetativ bestehen Früherwachen und Appetitminderung. Krankheitseinsicht und Therapiemotivation sind vorhanden.
3. Somatischer Befund / Konsiliarbericht
Siehe hausärztlichen Konsiliarbericht vom 12. Mai. Laborchemisch ergaben sich unauffällige Werte für Blutbild, Schilddrüsenparameter, Vitamin B12 und Ferritin. Somatische Ursachen der Antriebsminderung und des Gewichtsverlusts wurden ausgeschlossen. Medikation: Sertralin 50 mg seit sechs Wochen, hausärztlich weitergeführt. Psychotherapeutische Vorbehandlung: ambulante Verhaltenstherapie über zwölf Sitzungen im 26. Lebensjahr. Gesundheitsverhalten: Kein Drogen- oder Alkoholkonsum; Nichtraucherin. Arbeitsunfähigkeit seit April über insgesamt sieben Wochen.
4. Behandlungsrelevante Angaben zur Lebensgeschichte und Krankheitsanamnese sowie fallspezifische Konzeption
Die Patientin wuchs als ältere von zwei Schwestern auf. Der Vater war als Handwerker selbstständig und häufig abwesend, die Mutter beschreibt sie als fordernd und wenig zugewandt. Zuwendung sei im Elternhaus regelmäßig an Leistung gekoppelt gewesen; Lob erinnere sie fast ausschließlich im Zusammenhang mit guten Noten oder übernommenen Aufgaben im Haushalt. Damit blieb das Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung an eine Bedingung geknüpft, die immer wieder neu zu erfüllen war, und auch Bindung erschien nur über erbrachte Leistung verfügbar. Ab dem zwölften Lebensjahr habe sie die Betreuung der jüngeren Schwester weitgehend übernommen; eigene Wünsche traten dahinter zurück, ohne dass dies im Elternhaus aufgefallen wäre. Aus dieser Konstellation entwickelte sich das Schema, dass Zugehörigkeit an Nützlichkeit hängt und eigene Grenzen keine legitime Größe sind.
Eine erste depressive Episode trat im 26. Lebensjahr nach der Trennung von einem langjährigen Partner auf und remittierte unter ambulanter Behandlung mit zwölf Sitzungen innerhalb eines halben Jahres. Eine zweite Episode folgte nach der Geburt des zweiten Kindes und klang ohne gezielte Behandlung über etwa ein Jahr ab.
Als Auslöser der aktuellen Episode benennt die Patientin eine Umstrukturierung in ihrer Abteilung im September vergangenen Jahres. Ihr wurde zusätzlich die Einarbeitung zweier neuer Kolleginnen übertragen, ohne Entlastung an anderer Stelle. Sie habe die Aufgabe angenommen, ohne Rücksprache zu halten, und in der Folge regelmäßig Überstunden geleistet.
Aus diesen Angaben ergibt sich das folgende funktionale Bedingungsmodell.
Prädisponierend wirkt die in der Herkunftsfamilie erworbene Regel, dass eigener Wert an erbrachte Leistung und an die Erfüllung der Erwartungen anderer gebunden ist. Damit verbunden ist ein früh eingeübtes Muster, eigene Bedürfnisse zurückzustellen und Belastungsgrenzen nicht zu kommunizieren.
Ausgelöst wurde die aktuelle Episode durch die berufliche Mehrbelastung ab September. Die bisherige Bewältigungsform – mehr arbeiten, keine Grenzen setzen – führte zunächst zur Erschöpfung und dann zum Rückzug aus den verbleibenden entlastenden Aktivitäten.
Aufrechterhaltend wirken drei Mechanismen. Erstens der Rückzug aus sozialen und freizeitbezogenen Aktivitäten, der die Zahl positiver Verstärker weiter senkt und die gedrückte Stimmung stabilisiert. Zweitens das mehrfache Kontrollieren der Arbeitsergebnisse: Es senkt die Anspannung kurzfristig, verlängert die Bearbeitungszeit und bestätigt langfristig die Befürchtung, den Anforderungen nicht zu genügen. Drittens die abendliche und nächtliche Grübelneigung, die den Schlaf fragmentiert und die Erschöpfung am Folgetag verstärkt.
Makroanalytisch fügt sich das zu einem Verstärkerverlustmodell mit vorgeschalteter Selbstwertregulation über Leistung. Unter Mehrbelastung aktiviert die Leistungsregel Mehrarbeit und Kontrolle; beides bindet Zeit und Kraft, die für verstärkende Aktivitäten fehlen. Der sinkende Verstärkerpegel senkt Stimmung und Antrieb, was die Aufgabenbewältigung weiter erschwert und die Regel erneut bestätigt. Daraus leitet sich ab, dass die Behandlung an zwei Stellen zugleich ansetzen muss: am Verstärkerpegel selbst und an der Regel, die den Rückzug überhaupt erzeugt.
Die Mikroanalyse einer typischen Situation zeigt, wie der zweite Mechanismus im Alltag abläuft.
Mikroanalyse (S-O-R-K-C): Kontrollverhalten am Arbeitsplatz
- S
- Montagmorgen, 8.40 Uhr, im Büro. Die Patientin öffnet eine E-Mail des Vorgesetzten mit der Bitte um ein Gespräch am Nachmittag, ohne Angabe des Themas.
- O
- Die in der Herkunftsfamilie erworbene Regel, dass der eigene Wert an fehlerfreier Leistung und an der Erfüllung fremder Erwartungen hängt. Aktuell verstärkt durch das Schlafdefizit nach Früherwachen und durch die seit September bestehende Mehrbelastung.
- R
R_kog:„Ich habe etwas falsch gemacht.“ „Wenn ich jetzt nachfrage, merkt er, dass ich die Aufgaben nicht schaffe.“
R_emot:Angst, Scham.
R_phys:Herzklopfen, Anspannung im Nacken- und Schulterbereich, flache Atmung.
R_mot:Sie verschiebt die Antwort auf den Nachmittag, ruft die Unterlagen der vergangenen Woche auf und prüft sie viermal durch, formuliert die Antwort in vier Anläufen und liest sie vor dem Absenden erneut.
- K
- Intermittierend. Nur selten findet die Patientin beim Kontrollieren tatsächlich einen Fehler. Gerade dieser gelegentliche Fund macht das Kontrollieren löschungsresistent.
- C
C-kurzfristig:Unmittelbar nach dem Absenden fällt die Anspannung ab. Der Wegfall des unangenehmen Zustands verstärkt das Kontrollieren negativ, sodass es in der nächsten vergleichbaren Situation erneut auftritt.C-mittelfristig:Die Bearbeitungszeit verlängert sich, Aufgaben bleiben liegen, die Patientin arbeitet abends nach. Die Erfahrung, den Anforderungen nur mit Mehraufwand zu genügen, bestätigt die Regel aus O.
C+langfristig:Für Chor und Verabredungen bleiben weder Zeit noch Energie. Positive Verstärker fallen weg, die Verstärkerdichte sinkt weiter, und die gedrückte Stimmung bleibt stabil. Damit schließt die Mikroanalyse an den ersten aufrechterhaltenden Mechanismus an.
Notation: C+ bezeichnet eine positive Verstärkung, C- eine direkte Bestrafung. Ein durchgestrichenes C- steht für negative Verstärkung, also den Wegfall von etwas Unangenehmem, ein durchgestrichenes C+ für indirekte Bestrafung, also den Wegfall von etwas Angenehmem. K bezeichnet die Kontingenz, das heißt die Regelmäßigkeit, mit der auf das Verhalten die Konsequenz folgt.
5. Diagnose zum Zeitpunkt der Antragstellung
Rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode (F33.1), G.
Die Kriterien sind erfüllt: Es liegen mindestens zwei zeitlich getrennte depressive Episoden in der Vorgeschichte vor. Die aktuelle Episode besteht seit mehr als neun Monaten mit gedrückter Stimmung, Interessenverlust und Antriebsminderung als Hauptsymptomen sowie Schlafstörung, Appetitminderung, Konzentrationsstörung und vermindertem Selbstwertgefühl als Zusatzsymptomen. Die Funktionsbeeinträchtigung zeigt sich in der siebenwöchigen Arbeitsunfähigkeit und im Rückzug aus allen außerfamiliären Aktivitäten.
6. Behandlungsplan und Prognose
Geplant ist eine Verhaltenstherapie im Einzelsetting mit 60 Stunden bei wöchentlicher Frequenz. Der Behandlungsplan setzt an den drei aufrechterhaltenden Mechanismen an.
Zum Abbau des Rückzugs erfolgt ein systematischer Aktivitätenaufbau nach Verstärkerplan, beginnend mit zwei wöchentlichen Aktivitäten außerhalb von Familie und Beruf, mit Stimmungsprotokoll zur Rückmeldung. Zum Kontrollverhalten werden Verhaltensexperimente durchgeführt, in denen die Patientin Arbeitsergebnisse ohne Mehrfachkontrolle abgibt und die tatsächliche Konsequenz erhebt. Die Grübelneigung wird über Grübelzeiten und Aufmerksamkeitslenkung bearbeitet, ergänzt um schlafhygienische Absprachen.
Auf der Ebene der überdauernden Regel folgt eine kognitive Umstrukturierung der Leistungsregel mit Erarbeitung alternativer Bewertungen sowie ein Training zur Kommunikation eigener Grenzen, zunächst im Rollenspiel, anschließend in vorbereiteten Situationen am Arbeitsplatz. Gegen Ende der Behandlung steht die Rückfallprophylaxe mit Erarbeitung individueller Frühwarnzeichen und eines schriftlichen Notfallplans.
Therapieziele: Die Patientin nimmt wieder mindestens zweimal monatlich an sozialen Aktivitäten außerhalb der Familie teil. Arbeitsergebnisse werden ohne Mehrfachkontrolle abgegeben. Belastungsgrenzen werden gegenüber dem Vorgesetzten in mindestens einer konkreten Situation benannt. Der BDI-II-Summenwert liegt unter 14.
Die Prognose ist günstig einzuschätzen. Für eine positive Entwicklung sprechen die gute Introspektionsfähigkeit, die stabile Partnerschaft, die berufliche Perspektive und die remittierten Vorepisoden. Die beantragte Stundenzahl begründet sich aus dem rezidivierenden Verlauf mit drei Episoden, der Dauer der aktuellen Episode und der Notwendigkeit, neben der Symptomebene auch die überdauernde Leistungsregel zu bearbeiten, um erneute Episoden weniger wahrscheinlich zu machen.
Was diesen Bericht trägt
Die Stellen, an denen der Bericht die typischen Rückfragen vorwegnimmt.
Die Diagnose ist im Text belegt, nicht nur genannt
Abschnitt 5 führt Haupt- und Zusatzsymptome, Zeitkriterium und Funktionsbeeinträchtigung einzeln auf. Damit ist die häufigste Rückfrage – woran ist die Diagnose festzumachen – bereits beantwortet.
Jede Methode hat einen Anker im Modell
Aktivitätenaufbau, Verhaltensexperimente und Grübelzeiten greifen exakt die drei in Abschnitt 4 benannten aufrechterhaltenden Mechanismen auf. Es steht keine Methode im Plan, die im Modell nicht vorkommt.
Die Mikroanalyse steht in der üblichen Notation
S, O, die getrennten Reaktionsebenen, K und die Konsequenzen sind einzeln benannt, und die Konsequenzen tragen ihre Verstärkungsrichtung. Unter R_emot stehen nur Basisemotionen, Herzklopfen und Anspannung unter R_phys. Diese Trennung zeigt der Gutachterin oder dem Gutachter, dass das Verhalten funktional verstanden ist und nicht nur nacherzählt wird.
Die Stundenzahl wird aktiv begründet
Der letzte Absatz verknüpft rezidivierenden Verlauf, Episodendauer und die Arbeit an der überdauernden Regel. Ohne diese Verknüpfung entsteht bei 60 Stunden regelmäßig eine Nachfrage.
Die Ziele sind überprüfbar formuliert
Statt „Stärkung des Selbstwerts" stehen beobachtbares Verhalten und ein Messwert. Das erleichtert später auch den Fortführungsantrag, weil der Verlauf an derselben Größe beschrieben werden kann.
Suizidalität wird benannt, nicht übergangen
Passive Todesgedanken werden beschrieben, ebenso die Distanzierung und der schützende Faktor. Ein Bericht, der dieses Thema auslässt, obwohl der Befund es nahelegt, erzeugt Rückfragen.
Ihren eigenen Bericht in dieser Qualität
Einen Bericht dieser Struktur erstellt BerichtBiber aus Ihren Angaben oder aus einem Diktat – verfahrensspezifisch, anonymisiert und mit Konsistenzprüfung vor dem Export.
Häufige Fragen
Wie lang sollte ein Bericht an den Gutachter sein?
Muss ich eine Mikroanalyse in den Bericht aufnehmen?
Wie viele aufrechterhaltende Bedingungen sollte ich benennen?
Darf ich Namen der Patientin im Bericht verwenden?
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